Berliner Morgenpost / Gut angelegtes Geld / Leitartikel von Thorsten Knuf zum Thema Hochschulen

An den Hochschulen nimmt in diesen Wochen der Lehrbetrieb wieder Fahrt auf.

Ein Leben zwi­schen Hör­saal, Semi­nar­raum, Biblio­thek und Men­sa: Hun­dert­tau­sen­de Erst­se­mes­ter sind neu an den Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len. Sie tref­fen dort auf zahl­rei­che Kom­mi­li­to­nen, die schon län­ger dabei sind. Im ver­gan­ge­nen Jahr gab es in Deutsch­land um die­se Zeit fast drei Mil­lio­nen Studenten.

Es ist gut, dass die finan­zi­el­len und sozia­len Hür­den für ein Hoch­schul­stu­di­um hier­zu­lan­de ver­gleichs­wei­se nied­rig sind. Die Beto­nung liegt auf ver­gleichs­wei­se: Hor­ren­de Stu­di­en­ge­büh­ren, wie sie in ande­ren Indus­trie­län­dern üblich sind, gibt es zumin­dest an öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land nicht. Von jedem Geburts­jahr­gang beginnt etwas mehr als jeder Zwei­te ein Stu­di­um. Kri­ti­ker mögen von einem „Aka­de­mi­sie­rungs­wahn“ spre­chen. Und es ist ja auch etwas dar­an, dass der beruf­li­chen Bil­dung nicht immer der Stel­len­wert zukommt, den sie ver­dient. Ohne sei­ne Inge­nieu­re, Juris­ten und Betriebs­wir­te wäre die Bun­des­re­pu­blik kaum das öko­no­mi­sche Kraft­zen­trum Euro­pas. Aber ohne sei­ne Fach­ar­bei­ter und Meis­ter eben auch nicht.

Rich­tig ist zugleich, dass jeder jun­ge Mensch selbst ent­schei­den soll­te, wel­chen Weg er ein­schlägt.Stu­di­um oder Leh­re: In einem frei­en Land haben Staat und Poli­tik hier kei­ne Vor­ga­ben zu machen. Deutsch­land lei­det bereits heu­te unter einem ekla­tan­ten Man­gel an Arbeits­kräf­ten, und der wird sich in den kom­men­den Jah­ren noch ein­mal dra­ma­tisch ver­schär­fen. Das Land braucht jeden klu­gen Kopf und jede hel­fen­de Hand. Wer eine gute Aus­bil­dung vor­wei­sen kann, egal ob aka­de­misch oder betrieb­lich, dem soll­te vor der Zukunft nicht ban­ge sein.

Zur Wahr­heit gehört aller­dings auch, dass ein Stu­di­um für etli­che jun­ge Men­schen und ihre Fami­li­en ein gewal­ti­ger Kraft­akt bleibt – der vie­le von ihnen über­for­dert. Der Zugang zu den Hoch­schu­len mag sehr güns­tig sein. Aber ein Stu­dent muss am Hoch­schul­ort woh­nen und leben. Rei­che Eltern oder nen­nens­wer­te eige­ne Ein­künf­te haben nur die wenigs­ten. In der Pra­xis ent­schei­det dann oft doch wie­der der Geld­beu­tel der Eltern dar­über, wo und was ein jun­ger Mensch stu­die­ren kann. Die Woh­nungs­kri­se und der Preis­an­stieg bei Nah­rungs­mit­teln und Ener­gie machen gera­de Hoch­schü­lern beson­ders zu schaf­fen. Die Prei­se für Stu­den­ten­bu­den sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­ler­orts explo­diert – und dies bei­lei­be nicht nur in Metro­po­len wie Ber­lin, Ham­burg oder Mün­chen. Auf dem frei­en Markt sind Mie­ten von 500, 600 oder gar 700 Euro für WG-Zim­mer kei­ne Sel­ten­heit mehr, das Ange­bot an geför­der­ten Wohn­heim­plät­zen ist viel zu gering. Die Inter­es­sen­ten ren­nen den ört­li­chen Stu­den­ten­wer­ken die Türen ein. Wie maro­de Stra­ßen und kaput­te Schie­nen­we­ge ist auch das Teil des gewal­ti­gen Inves­ti­ti­ons­staus, unter dem das gesam­te Land leidet.

Immer­hin: Beim Bau von Wohn­hei­men für Stu­den­ten und Azu­bis tut sich was, die Ampel­ko­ali­ti­on stellt dafür 1,5 Mil­li­ar­den bereit. Der nächs­te logi­sche Schritt wäre, auch die staat­li­che Stu­di­en­fi­nan­zie­rung vom Kopf auf die Füße zu stel­len. Es reicht nicht aus, abhän­gig von der Haus­halts­la­ge hin und wie­der an den Bafög-Sät­zen zu schrau­ben. Sie müs­sen ver­läss­lich dyna­mi­siert wer­den und mit der Infla­ti­on und den Löh­nen stei­gen – so wie ande­re Leis­tun­gen auch. Es geht hier nicht um Pri­vi­le­gi­en für eine bestimm­te Grup­pe. Es geht um Inves­ti­tio­nen in Bil­dung und damit in die Zukunft des Lan­des. Das soll­te einer selbst ernann­ten Fort­schritts­re­gie­rung eigent­lich am Her­zen liegen.

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