Tristan Besser ist Deutschlands bester Auszubildender zum Industrieelektriker

Tristan Besser ist Deutschlands bester Auszubildender zum Industrieelektriker

IHK: Tris­tan Bes­ser ist Deutsch­lands bes­ter Aus­zu­bil­den­der zum Indus­trie­elek­tri­ker (Fach­rich­tung Betriebs­tech­nik). Der 20-Jäh­ri­ge hat sei­ne Aus­bil­dung im Berufs­bil­dungs­werk der Josefs­heim gGmbH in Ols­berg-Big­ge mit Bra­vour absol­viert und sagt: „Ich bin mega dank­bar, glück­lich und auch stolz“. Denn ein­fach war sein Weg durch Leben und Aus­bil­dung mit einer autis­ti­schen Ent­wick­lungs­stö­rung nicht.

Der gebür­ti­ge Wup­per­ta­ler ist der ein­zi­ge Aus­zu­bil­den­de aus der Regi­on Hell­weg-Sau­er­land, der mit wei­te­ren 211 jun­gen Men­schen heu­te, 8. Dezem­ber, in Ber­lin von der DIHK für sei­ne her­aus­ra­gen­den Leis­tun­gen in der Abschluss­prü­fung aus­ge­zeich­net wor­den ist und damit zu den bes­ten Azu­bis Deutsch­lands gehört. Der Weg dahin war für Tris­tan Bes­ser kein gewöhn­li­cher: Im Alter von acht Jah­ren kam er zum ers­ten Mal in eine Wohn­grup­pe und leb­te seit 2015 in einer betreu­ten Wohn­ein­rich­tung der Jugend­hil­fe Ols­berg. „Ich ticke anders als ande­re“, sagt Tris­tan Bes­ser über sich selbst. „Ich brau­che fes­te Struk­tu­ren und wenn ich mich auf­re­ge, lan­de ich schnell in einem Over­load. Das ist dann als wür­de in mei­nem Kopf eine Siche­rung herausfliegen.“

Sei­nen Haupt­schul­ab­schluss hat er an der Roman-Her­zog-Schu­le in Bri­lon absol­viert und über ver­schie­de­ne Prak­ti­ka konn­te er sei­ne Begeis­te­rung für die Elek­tro­tech­nik ent­de­cken. „Mich inter­es­siert, wie die Din­ge funk­tio­nie­ren“, erzählt er. Mit Unter­stüt­zung der Jugend­hil­fe Ols­berg und des Kol­ping­werks konn­te er am 1. August 2023 im Berufs­bil­dungs­werk des Josefs­heims sei­ne zwei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung begin­nen. Das Berufs­bil­dungs­werk bie­tet jun­gen Men­schen berufs­vor­be­rei­ten­de Maß­nah­men an und bil­det in mehr als 30 Beru­fen aus. Finan­ziert wird die Aus­bil­dung von der Agen­tur für Arbeit.

Potenzial sofort erkannt

„Ich habe sofort Tris­tans Poten­zi­al gese­hen“, berich­tet Aus­bil­der Micha­el Hamann. Wäre es nach ihm gegan­gen, dann hät­te der heu­te 20-Jäh­ri­ge direkt die Aus­bil­dung zum Elek­tro­ni­ker für Betriebs­tech­nik begon­nen. Doch die­se Vor­stel­lung hat Tris­tan Bes­ser über­for­dert: „Ich hat­te immer Angst, dass ich es nicht schaf­fe. Des­halb woll­te ich erst­mal mit dem Indus­trie­elek­tri­ker beginnen.“

In die­ser Zeit lern­te er unter ande­rem wie Licht- und Steck­do­sen­strom­krei­se sowie Motor­steue­run­gen funk­tio­nie­ren, wie Schalt­plä­ne zu lesen sind, wie Steue­run­gen pro­gram­miert und ver­drah­tet wer­den, wie defek­te Gerä­te repa­riert und wie Prü­fun­gen und Mes­sun­gen an elek­tri­schen Anla­gen durch­ge­führt wer­den. Meh­re­re Wochen hat Tris­tan Bes­ser zudem, wäh­rend eines Prak­ti­kums, in einem Unter­neh­men in Bri­lon gearbeitet.

Ins­ge­samt aber fand sei­ne Aus­bil­dung in dem geschütz­ten Raum des Berufs­bil­dungs­wer­kes statt: Weni­ge Azu­bis, indi­vi­du­el­le Betreu­ung, klei­ne Berufs­schul­klas­sen. „Für jeman­den wie Tris­tan, der an einer autis­ti­schen Ent­wick­lungs­stö­rung lei­det, ist das sehr wich­tig, denn er kann Umge­bungs­ge­räu­sche und Ein­drü­cke schlecht fil­tern. Die­se pras­seln unge­bremst auf ihn ein und stö­ren sei­ne Kon­zen­tra­ti­on“, berich­tet Micha­el Hamann. Er bil­det seit elf Jah­ren in der Elek­tro­werk­statt jun­ge Men­schen mit unter­schied­li­chen – oft psy­chi­schen – Beein­träch­ti­gun­gen aus und weiß um die beson­de­ren Her­aus­for­de­run­gen. „Wir müs­sen indi­vi­du­ell auf sie ein­ge­hen“, sagt Hamann. Doch er betont auch: „Unse­re Aus­zu­bil­den­den sol­len ler­nen, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und selbst­stän­dig zu arbei­ten. Dafür füh­re ich sie auch schon­mal an ihre Gren­zen. Wir funk­tio­nie­ren hier als Team. Ich gehe auf die Bedürf­nis­se der jun­gen Men­schen ein und erwar­te umge­kehrt aber auch, dass sie mit­zie­hen und Leis­tung erbrin­gen“. Damit das funk­tio­niert, schlägt Hamann auch unge­wöhn­li­che Wege ein. „Wir gehen zusam­men nach drau­ßen, lau­fen an der fri­schen Luft und wir gehen ein­mal in der Woche schwim­men. Das macht den Kopf frei und wer möch­te, kann über­schüs­si­ge Ener­gie oder sogar Wut am Was­ser aus­las­sen.“ Die­se Akti­vi­tä­ten haben zudem den posi­ti­ven Neben­ef­fekt, dass der Kran­ken­stand sehr nied­rig sei, so Hamann.

Nächster Schritt: Elektroniker für Betriebstechnik

Schon öfter in der Ver­gan­gen­heit gehör­ten Aus­zu­bil­den­de des Berufs­bil­dungs­werks in unter­schied­li­chen Beru­fen zu den bes­ten Aus­zu­bil­den­den auf Kreis­ebe­ne. „Aber das einer von ihnen zu den bes­ten in Deutsch­land gehört, das hat es noch nie gege­ben“, freut sich Micha­el Hamann mit Tris­tan Bes­ser. Dabei hat­te der Aus­bil­der schon wäh­rend der Aus­bil­dung das Gefühl, dass der ange­hen­de Indus­trie­elek­tri­ker ein sehr gutes Ergeb­nis erzie­len könn­te. Tris­tan selbst zwei­fel­te bis zum Schluss. „Sogar wäh­rend der prak­ti­schen Prü­fung habe ich immer wie­der gesagt: Ich schaf­fe das nicht“, berich­tet er. „Ich nei­ge zum Overt­hin­king. Wäh­rend der Prü­fung habe ich jeden Draht und jede Schrau­be zwei- oder drei­mal über­prüft“. Als Nach­teils­aus­gleich hat Tris­tan Bes­ser für sei­ne Prü­fun­gen 20 Pro­zent mehr Zeit bekom­men. „Die hat er aber gar nicht gebraucht“, berich­tet Micha­el Hamann.
Die Freu­de über sei­ne fan­tas­ti­sche Leis­tung war bei allen groß: Bei Tris­tan, bei sei­nem Aus­bil­der und bei sei­ner Fami­lie. „Mei­ne Mut­ter hat sich sehr gefreut und mir gesagt, dass sie sehr stolz auf mich ist“, sagt der jun­ge Indus­trie­elek­tri­ker, der es manch­mal selbst kaum glau­ben kann, was er alles geschafft hat: Er hat eine Berufs­aus­bil­dung abge­schlos­sen und lebt inzwi­schen in einer eige­nen Woh­nung in Ols­berg. „Und ich erle­be ger­ne etwas: Ich set­ze mich dann in den Zug, fah­re irgend­wo hin und schaue mir ver­schie­de­ne Orte an, zum Bei­spiel die Zeche Zoll­ver­ein im Ruhr­ge­biet“, berich­tet er. Und Tris­tan Bes­ser macht wei­ter: Jetzt hat er sei­ne Aus­bil­dung zum Elek­tro­ni­ker für Betriebs­tech­nik begon­nen. Dafür muss der 20-Jäh­ri­ge den geschütz­ten Raum des Berufs­bil­dungs­wer­kes ver­las­sen, denn der Unter­richt fin­det regu­lär in der Berufs­schu­le Ber­li­ner Platz in Arns­berg statt. Doch Tris­tan Bes­ser blickt posi­tiv auf die­se Her­aus­for­de­rung, denn das ist ein gutes Trai­ning für die rea­le Arbeits­welt: „Spä­ter“, sagt er, „wür­de ich ger­ne in einem Unter­neh­men arbeiten.“

 

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Quel­le: Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Arns­berg Hellweg-Sauerland
Bild: Tris­tan Bes­ser (li.) und Micha­el Hamann in der Elek­tro-werk­statt des Berufs­bil­dungs­werks in Olsberg.
Foto­credits: Wrona/​IHK