Es gibt keine ‚akzeptable‘ Zahl von Verkehrstoten

EU-Koordinator für Straßenverkehrssicherheit: „Es gibt keine ‚akzeptable‘ Zahl von Verkehrstoten“

  • Posi­ti­ve Ent­wick­lung ist in den letz­ten Jah­ren ins Sto­cken geraten
  • Bei der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur muss das Augen­merk auf Sicher­heit liegen
  • Der Fak­tor Mensch spielt vor­erst noch eine Schlüsselrolle

Der EU-Koor­di­na­tor für Stra­ßen­ver­kehrs­si­cher­heit Kris­ti­an Schmidt hat das Bekennt­nis der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on bekräf­tigt, die Sicher­heit auf Euro­pas Stra­ßen zu ver­bes­sern. Beim DEKRA Jah­res­emp­fang in Brüs­sel sag­te Schmidt:

Es gibt kei­ne ‚akzep­ta­ble‘ Zahl von Ver­kehrs­to­ten. Des­halb müs­sen wir wei­ter­hin an allen Hebeln des ‚siche­ren Sys­tems‘ anset­zen: nicht nur mehr Inves­ti­tio­nen in die Stra­ßen­in­fra­struk­tur, son­dern auch siche­re Geschwin­dig­kei­ten, siche­re Fahr­zeu­ge, bes­se­res Ver­hal­ten im Stra­ßen­ver­kehr und eine ver­bes­ser­te Ver­sor­gung nach einem Unfall. Mit Beginn einer neu­en Amts­zeit der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on wird sich an unse­rem Enga­ge­ment für die Schaf­fung die­ses siche­ren Sys­tems nichts ändern.“ Schmidt, Direk­tor Land­ver­kehr bei der GD MOVE der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, ist auch mit einem Namens­bei­trag im DEKRA Ver­kehrs­si­cher­heits­re­port 2024 mit dem Titel „Ver­kehrs­räu­me für Men­schen“ ver­tre­ten. Der Report mit Schwer­punkt auf der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur wur­de bei der Ver­an­stal­tung in Brüs­sel von Jann Fehlau­er, Exe­cu­ti­ve Vice Pre­si­dent der DEKRA Grup­pe, vor­ge­stellt. Der 17. Bericht der Rei­he unter­sucht ver­schie­de­ne infra­struk­tu­rel­le Pro­blem­fel­der aus der Per­spek­ti­ve der Unfall­for­schung, der Ver­kehrs­psy­cho­lo­gie, der Fahr­zeug­tech­nik, der Infra­struk­tur­pla­nung und der Gesetzgebung.

Mehr denn je steht die Stra­ßen­in­fra­struk­tur im Span­nungs­feld unter­schied­lichs­ter Anfor­de­run­gen. Hin­zu kommt der rasan­te Wan­del des Mobi­li­täts­ver­hal­tens in vie­len Tei­len der Welt. Wei­ter­ent­wick­lun­gen in den Berei­chen Sen­so­rik, Rechen­leis­tung und Bat­te­rie­ka­pa­zi­tät haben neue For­men der Mobi­li­tät geschaf­fen oder bestehen­de revo­lu­tio­niert. Die­ser Wan­del voll­zieht sich schnel­ler, als die Infra­struk­tur ange­passt wer­den kann.

„Ange­sichts die­ser kom­ple­xen Her­aus­for­de­run­gen sind eine sorg­fäl­ti­ge Pla­nung und die Umset­zung geeig­ne­ter Maß­nah­men wich­ti­ger denn je, um Unfäl­le ganz zu ver­mei­den oder zumin­dest ihre Fol­gen zu mini­mie­ren“, sagt Fehlau­er. „Ganz gleich, ob die Infra­struk­tur für den gemisch­ten Ver­kehr aus­ge­legt ist, wie z.B. Inner­orts- und Land­stra­ßen, oder ob sie bestimm­ten Nut­zer­grup­pen vor­be­hal­ten ist, wie z.B. Fuß­gän­ger­zo­nen, Rad­schnell­we­ge oder Auto­bah­nen: Der Fokus muss immer auf der
Sicher­heit lie­gen“, betont Fehlauer.

Unzureichende Straßenverhältnisse in vielen Teilen der Welt

Dass es in die­ser Hin­sicht noch viel zu tun gibt, zei­gen Sta­tis­ti­ken. Zwar sank die Zahl der Ver­kehrs­to­ten in der EU zwi­schen 2010 und 2021 um 32,8 Pro­zent von 29.600 auf 19.900. Doch seit eini­gen Jah­ren ist die posi­ti­ve Ent­wick­lung ins Sto­cken gera­ten: Die Zahl stieg 2022 wie­der auf knapp 20.600 an; für 2023 rech­net die EU in der vor­läu­fi­gen Sta­tis­tik mit rund 20.400 Ver­kehrs­to­ten. „Aus heu­ti­ger Sicht dürf­te das von der WHO und der EU selbst gesetz­te Ziel, die Zahl der Ver­kehrs­to­ten zwi­schen 2021 und 2030 zu hal­bie­ren, schwer zu errei­chen sein“, so die DEKRA-Exper­ten in dem Bericht.

Jens Gie­se­ke, MdEP, EVP-Koor­di­na­tor im Par­la­ments­aus­schuss für Ver­kehr und Tou­ris­mus, kün­dig­te wei­te­re poli­ti­sche Anstren­gun­gen für die Ver­kehrs­si­cher­heit an. „Die Poli­tik muss mit ihren Ent­schei­dun­gen zum Schutz von Men­schen­le­ben bei­tra­gen. Trotz des guten Aus­baus der Innen­städ­te zeigt sich die Not­wen­dig­keit der Ver­kehrs­si­cher­heit in ande­ren Berei­chen. Gera­de Land­stra­ßen sind beson­ders gefähr­lich und vie­le Fahr­ten enden oft töd­lich. 2022 pas­sier­ten dort mehr als die Hälf­te der töd­li­chen Ver­kehrs­un­fäl­le. In Finn­land und Irland waren es sogar zwei Drit­tel. Die Wur­zeln des Pro­blems müs­sen bekämpft und effi­zi­en­te Maß­nah­men ergrif­fen wer­den. Ein Ansatz dafür ist der Aus­bau der Fahrzeugkommunikation.“

Anto­nio Ave­no­so, Geschäfts­füh­rer des Euro­päi­schen Ver­kehrs­si­cher­heits­rats (ETSC), kon­zen­triert sich in sei­nem State­ment im DEKRA Ver­kehrs­si­cher­heits­re­port auf das The­ma 30 km/​h in Städ­ten. Sei­ner Mei­nung nach soll­ten die Kom­mu­nen die
Mög­lich­keit erhal­ten, stan­dard­mä­ßig Tem­po 30 ein­zu­füh­ren, ohne dass die natio­na­len Regie­run­gen ihnen Stei­ne in den Weg legen. „Es wäre naiv zu glau­ben, dass Tem­po-30-Beschrän­kun­gen Ver­kehrs­un­fäl­le mit Todes­fol­ge und Ver­let­zun­gen in Städ­ten been­den wer­den. Aber sie soll­ten als ein­fa­cher, kos­ten­güns­ti­ger Schritt gese­hen wer­den, der über die Sicher­heit hin­aus Vor­tei­le bringt“, schreibt Ave­no­so. „Sie signa­li­sie­ren auch laut und deut­lich die Akzep­tanz einer Rea­li­tät, die in vie­len Tei­len Euro­pas ver­ges­sen wur­de: dass Städ­te zum Nut­zen aller Bür­ger gestal­tet wer­den soll­ten, nicht nur für die­je­ni­gen, die sich für das Auto als Ver­kehrs­mit­tel entscheiden.“

Ver­ant­wor­tungs­vol­les Ver­hal­ten und Regel­ak­zep­tanz blei­ben uner­läss­lich Infra­struk­tur, Regel­wer­ke und Fahr­zeug­tech­nik spie­len jeweils eine wich­ti­ge Rol­le für die Ver­kehrs­si­cher­heit. Bei allen Bemü­hun­gen dür­fe aber eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung nicht ver­ges­sen wer­den, betont DEKRA Geschäfts­füh­rer Jann Fehlau­er: „Um gefähr­li­che Situa­tio­nen erst gar nicht ent­ste­hen zu las­sen, sind und blei­ben ver­ant­wor­tungs­vol­les Ver­hal­ten, die rich­ti­ge Ein­schät­zung der eige­nen Fähig­kei­ten und ein hohes Maß an Regel­ak­zep­tanz uner­läss­lich.“ Dar­an kön­nen auch die bes­te Stra­ßen- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur oder Fahr­zeug­tech­nik nichts ändern. Der Fak­tor Mensch spielt vor­erst noch eine ent­schei­den­de Rolle.

Der DEKRA Ver­kehrs­si­cher­heits­re­port 2024 „Ver­kehrs­räu­me für Men­schen“ steht im Inter­net unter www​.dekra​-road​sa​fe​ty​.com zum Down­load bereit. Dort fin­den sich auch alle bis­he­ri­gen Reports mit zusätz­li­chen Inhalten.

Über DEKRA

DEKRA wur­de 1925 ursprüng­lich mit dem Ziel gegrün­det, die Sicher­heit im Stra­ßen­ver­kehr durch Fahr­zeug­prü­fun­gen zu gewähr­leis­ten. Mit einem weit­aus brei­te­ren Tätig­keits­spek­trum ist DEKRA heu­te die welt­weit größ­te unab­hän­gi­ge nicht bör­sen­no­tier­te Sach­ver­stän­di­gen­or­ga­ni­sa­ti­on im Bereich Prü­fung, Inspek­ti­on und Zer­ti­fi­zie­rung. Als glo­ba­ler Anbie­ter umfas­sen­der Dienst­leis­tun­gen und Lösun­gen hel­fen wir unse­ren Kun­den, ihre Ergeb­nis­se in den Berei­chen Sicher­heit und Nach­hal­tig­keit zu ver­bes­sern. Im Jahr 2023 hat DEKRA einen Umsatz von 4,1 Mil­li­ar­den Euro erzielt. Rund 49.000 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter sind in rund 60 Län­dern auf fünf Kon­ti­nen­ten mit qua­li­fi­zier­ten und unab­hän­gi­gen Exper­ten­dienst­leis­tun­gen im Ein­satz. DEKRA gehört mit dem Pla­ti­num-Rating von Eco­Va­dis zu den Top-1-Pro­zent der nach­hal­ti­gen Unter­neh­men im Ranking.

 

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Quel­le: DEKRA e. V. Stuttgart
Bild: DEKRA Jah­res­emp­fang zur Vor­stel­lung des DEKRA Ver­kehrs­si­cher­heits­re­ports 2024 in Brüs­sel: (v.l.n.r.) Maik Beer­mann, Lei­ter Exter­nal Affairs and Advo­ca­cy bei DEKRA; Kris­ti­an Schmidt, EU-Ver­kehrs­si­cher­heits-Koor­di­na­tor; Stan Zur­kie­wicz, DEKRA Vor­stands­vor­sit­zen­der; Jens Gie­se­ke, MdEP; Jann Fehlau­er, Exe­cu­ti­ve Vice Pre­si­dent der DEKRA Grup­pe; Oli­ver Lei­ters, Lei­ter der DEKRA Kon­zern­re­prä­sen­tanz in Brüssel.
Foto­credits: Alex­an­der Lou­vet / DEKRA